2055- Die Geschichte vom letzten Koch

2055 – Die Geschichte
vom letzten Koch

Es war der letzte Abend gewesen; er hatte, wie immer, alles
aufgeboten, was sein alter Körper noch zu leisten imstande war und kochte
auch an diesem Abend noch einmal mit allem, was ihn sein Leben lang
ausgezeichnet hatte.

Mit viel Liebe zum Detail und der Hingabe eines wahren
Meisters zauberte er an diesem Abend noch einmal in höchster Vollendung seine
Kreationen auf die Teller.

Wohl noch bewusster als sonst, da ihm klar war, dass es das
letzte Mal sein würde.

Morgen würde hier ein weiteres dieser gesichtslosen System-gastronomischen Restaurants entstehen – mit seinem vorgefertigten Gastro-Konzept,
das so austauschbar war, wie un-inspiriert.

Aber scheinbar war das einfach eine
andere Zeit, in die er nun nicht mehr hineinpasste.

Wir hatten nun das Jahr 2055 und als er seine Gedanken so
zurückschweifen ließ, erfasste ihn sofort wieder die alte Leidenschaft, die
sich durch sein ganzes Leben gezogen hatte.

In seiner Lehre und den anschließenden Wanderjahren schwärmte
er von den großen Meistern, verehrte sie sogar und kämpfte sich unaufhörlich
durch die besten Restaurants und Hotels, immer auf der Suche nach neuen
Rezepten und Aromen. Getrieben vom Ehrgeiz und dem unbedingten Willen nach
Erfolg lernte er das Leben eines Kochs kennen und lieben.

Im Laufe der Jahre merkte er jedoch, dass sich etwas änderte
in seiner Branche. Es gab immer weniger Köche, was eine Entwicklung in Gang
setzte, die er so nie für möglich gehalten hatte.

Hotelkonzerne stellten ihre Betriebe immer mehr auf Convenience
um und standardisierten was das Zeug hielt; verkauft wurde es den Küchenchefs
als Konzept und zur Qualitätssicherung. Fakt war, dass Fertigware warm gemacht
wurde, die überall gleich schmeckte.

Da hier natürlich nicht mehr frisch gekocht wurde, leidete die
Ausbildung stark und die Qualität der Köche sank mehr und mehr. Die
Arbeitszeiten wurden nach wie vor nicht eingehalten, weil es ja nicht mehr
genug Köche gab. Da mussten die übrigen einfach mehr tun und wer das nicht
wollte, musste gehen oder wechselte von selbst in die Industrie.

Auch vor den Sterne Küchen machte dieser Trend nicht
halt. Die ehemaligen Spitzenrestaurants mit ihren Köchen wurden geschlossen und
durch kostengünstigere Trendkonzepte ersetzt.

Die Sterne Köche selbst mussten nach neuen Wegen
suchen, um zu überleben, da auch hier Köche allmählich zur Mangelware wurden. Entweder
stellten sie ihre Restaurants auf Casual Dinning um oder sie versuchten sich
als Berater oder Entwickler für neue Speisekonzepte bei der Industrie. Manch einer
versuchte auch übers Fernsehen genug Geld zu verdienen, um sich sein Restaurant
noch weiter leisten zu können.

Um 2030 dann drehte sich die Spirale immer schneller, fast
alle letzten echten Restaurants mussten die Segel streichen und die
Gastro-Landschaft begann sich neu zu ordnen.

Ohne das der Kunde es merkte, waren wie über Nacht nur noch
standardisierte Restaurants und Hotelkonzepte auf dem Markt, die voll auf die,
von der Industrie, produzierten Speisen setzten.

In einigen von ihnen kamen Teile der Speiseproduktion aus
dem 3 D Drucker, erstellt mit einem Nahrungsbrei, der dann nach der Formgebung
aushärtete. Die Schreckensvision aus Louis de Funés „Brust oder Keule“ war
Wahrheit geworden.

Köche waren nur noch „Aufwärmer“ und wurden mit Hungerlöhnen
abgespeist, was dem Beruf endgültig den Todesstoß verpasste. Meist wurden diese
Tätigkeiten auch nur noch von Hilfskräften ausgeführt.

Die letzten verbliebenen Küchenchefs waren lediglich Verwalter
ihrer Küchen und die jährlichen Küchenchef Meetings der Konzerne waren zu einer
Produktpräsentation der Industrie verkümmert, in denen man sich nur noch
darüber unterhielt welches Gericht der beiden Fertigspeisen wohl das bessere
wäre. Wo sich früher über Rezepte ausgetauscht wurde und man die Freude am Kochen
zelebrierte, trafen sich jetzt nur noch ein paar Marionetten der
Lebensmittelindustrie ohne Berufs-Ehre.

Hätte man sie gefragt, hätten sie wahrscheinlich geantwortet
„Was soll ich denn machen, ich habe ja keine ausgebildeten Leute mehr und außerdem
ist das ja viel wirtschaftlicher“.

Wohl wahr, aber sich mit seinem Schicksal abfinden und den
Kopf in den Sand stecken, ist wohl auch nicht die Lösung gewesen. Erbärmlich, wie
man für alles immer eine Ausrede finden kann.

2040 fiel dann der letzte große Stein im großen Lebensmittel
Roulette. Bis auf ein paar wackere Köche, die in ihren Restaurants aushielten,
war die Restaurant und Gastro-Welt zu
100% standardisiert.

Es gab nur noch 2 Großkonzerne auf der Welt, die alles unter
sich aufteilten und der Beruf des Kochs in seiner Reinform war eigentlich
verschwunden.

Die letzten Verbliebenen, wie er selbst auch, hatten Schwierigkeiten
Gen-freie und unbehandelte Lebensmittel zu bekommen, was es auch im täglichen
Geschäft immer schwerer machte, gesund und verantwortungsvoll zu arbeiten.

Um 2045 brachen dann alle Dämme. Die Lebensmittelvielfalt
wurde geregelt. Alle Pflanzen, die nicht effizient genug oder
schlicht nicht lukrativ genug, wurden nicht mehr angeboten.

Viele der alten Gemüse und Obstsorten fielen dieser
Entwicklung zum Opfer. Die Vielfalt war tot!

Zum Wohle der Menschheit, wie man hörte, denn man brauche ertragreiche
Lebensmittel, um alle Menschen auf Erden zu ernähren, anders ginge das nicht.

Aber das war irgendwie auch schon egal in einer Welt, in der
Kinder den Geschmack frischer Lebensmittel gar nicht mehr kannten und Geschmack
auch nur noch eine Frage der Garderobe war.

Der Mensch war verkümmert, das Essen zu einer reinen
Nährstoffaufnahme geworden.

Ein Wunder, dass er so lange ausgehalten hatte mit seinem
kleinen Restaurant.

Als er das Licht löschte, zum letzten Mal den Schlüssel im
Schloss drehte und seine Küche verließ, starb ein großer Beruf für immer.

Denn was er an diesem Abend nicht wusste – er war der letzte
wirkliche Koch gewesen.

Epilog:


Liebe Schlemmerlinge, Kollegen und Freude des guten
Geschmacks – Ich habe heute zugegeben ein düsteres Bild der Zukunft
gezeichnet. Ich wollte aber ganz bewusst
mit Euch meine Sorge um die Zukunft der Branche teilen. Manche der hier
angesprochene Punkte sind bereits Realität, die Profis unter Euch wissen genau
von welchen ich hier spreche, andere sind noch in ferner Zukunft, könnten aber
eintreten, wenn wir nicht Acht geben.

Mein Appell richtet sich an Alle von uns –  wir sind verantwortlich für die Speisen, die unsere Küchen verlassen. Wir sollten genau darüber nachdenken, ob wir unsere
Seele der immer größer werdenden Lebensmittelindustrie mit ihren Voll Sortiment
Convenience verkaufen möchten.

Denn wenn wir das tun, ist uns wirklich nicht mehr zu helfen.

Dann ist möglicherweise einer von uns irgendwann wirklich der letzte Koch.

Mit kulinarischen Grüßen

Euer

Alexander Reiter

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