Nikolaus und der Fachkräftemangel- eine kulinarischen Weihnachtsgeschichte!

Es war einer dieser Winter gewesen, wie er nicht schöner
hätte sein können. Angefangen bei den weißen Berggipfeln, die in der Sonne
glänzten, über die schneebepuderten Wälder bis hin zu den kleinen Dörfern in
den Alpentälern, war die ganze Landschaft wie verzaubert in einen weiß-glitzernden Mantel gehüllt.

Beseelt und glücklich ließen sich Mensch und Tier von der
Schönheit der Natur in ihren Bann ziehen und es war ein gewisser Friede zu
spüren, der alles erfasste.

Ein idealer Ort, um die Seele baumeln zu lassen, das Jahr zu
verabschieden oder einfach nur die Schönheit der Bayerischen Alpen zu genießen.

Es war kurz vor Weihnachten und der Nikolaus hatte seine
Arbeit bereits getan; wie jedes Jahr hatte er die Kinder in aller Welt
besucht, die Braven belohnt, die Lausbuben verwarnt und die ein oder andere
Süßigkeit verteilt.

Es waren wieder sehr arbeitsreiche Tage gewesen und der
Nikolaus hatte sich seinen Urlaub einmal mehr redlich verdient.

Wie jedes Jahr verbrachte er diesen in einer kleinen Hütte
in den Bergen, unweit eines kleinen Bergdorfes, in dem er von Zeit zu Zeit seine
Vorräte auffrischte.

Mantel und Stab hatte er für dieses Jahr abgelegt und gegen
eine winterfeste Hose mit Hosenträgern, einen Wollpullover und gepolterte
Bergschuhe getauscht. Eine dicke Daunenjacke und eine Mütze machten sein Freizeit
Outfit komplett.

Und so genoss er seinen Urlaub in vollen Zügen. Morgens, nachdem er ein paar Scheite in den Ofen geworfen hatte, brühte er sich ein
Haferl Kaffee und versorgte anschließend die Tiere des Waldes mit ein bisserl
Heu, Körnern und Früchten.

Hie und da hackte er Holz und am Nachmittag ließ
er sich meist auf der kleinen Bank vor seiner Hütte nieder und ließ sich die
Wintersonne auf seine Nase scheinen.

Doch ein besonderer Tag war für ihn immer der Besuch im
Dorf, genauer gesagt, der Besuch in seiner Lieblingsbar, dem Holzstüberl.

Im Holzstüberl, ja, da konnte er so richtig die Seele
baumeln lassen, eine urbayrische Einrichtung. Einer kleine, aber feine Getränkekarte und der Wahnsinns- Gewürzglühwein waren hier Programm, der nicht
nur für den Nikolaus zu Weihnachten dazugehörte und bis weit über die Dorfgrenzen hinaus
bekannt war.

Ein echter Geheimtipp eben.

Doch was dem Nikolaus hier am Besten gefiel, war die Freundlichkeit des Holzstüberl-Teams.

Sie waren das Herz und die Seele dieser kleinen Dorfbar und
verliehen ihr diesen Zauber, den nur wirkliche Herzlichkeit hervorrufen kann und der die Gäste wirklich begeisterte.

Das Holzstüberl öffnete immer um 16.00 Uhr und der Nikolaus
war immer einer der Ersten, um sich sein Platzerl direkt an der Bar und natürlich den ersten Glühwein zu sichern.

Doch irgendwas war heute anders, denn als er das Stüberl
betrat, war niemand zu sehen. Kein herzliches Hallo, das ihm beim Eintreten entgegengerufen wurde und vor allem keiner, der zwinkernd fragte, ob er seinen Glühwein
mit Schuß haben wollte oder nicht.

Er war verwundert, denn in all den Jahren war es das erste Mal, dass es hier so still war. Und so machte er sich auf herauszufinden, was los ist
und ging langsam in Richtung Bar, wo er in einiger Entfernung im Backoffice ein
leises Weinen hörte, dem er sofort folgte.

Hier angekommen sah er die sonst so fröhliche Steffi auf den
Stufen zum Keller sitzen und so bitterlich weinen, dass es dem Nikolaus selbst fast
die Tränen in die Augen trieb.

Und so fragte er sanft mit seiner beruhigenden Stimme, um sie
nicht aufzuschrecken „Warum weinst Du denn Steffi? Kann ich Dir helfen? Bist Du
gefallen?“

Steffi drehte sich sofort um, wischte sich die Tränen aus
dem Gesicht und antwortete „Oh, Entschuldigung, ich hab Sie nicht reinkommen hören, tut mir leid. Darf es ein Glühwein sein, wie immer?“

Der Nikolaus merkte sofort, wie sie professionell versuchte, die Situation zu überspielen, aber er kannte diese nur zu gut,
sozusagen eine seiner beruflichen Hauptfähigkeiten.

Er entgegnete ihr, mit gütiger, doch magischen Stimme, die
eben nur der Nikolaus hat und die nur die Wahrheit zulässt:

„Stephanie, was ist los und warum weinst Du? Glaub mir, Du
kannst es mir erzählen.“

Stephanie zögerte zuerst, doch da war etwas am „alten Nick“ (Nick
war sein Name, wenn er inkognito unterwegs war), wie sie ihn hier nannten, etwas Besonderes, etwas Reines. Es war einfach unmöglich in dieses Gesicht zu blicken und
zu flunkern, eigentlich seltsam.

„Es ist“ stammelte sie los, während sie sich mit einer
Serviette die letzten Tränen vom Gesicht wischte „Es ist alles so anders
geworden seit Du letztes Jahr hier warst, Nick. Es hat sich hier viel geändert. Die Anderen sind alle weg, haben besser bezahlte Jobs angenommen oder sind in
eine  Branche mit geregelteren
Arbeitszeiten gewechselt, in der sie auch mal frei haben und so.

Ich bin als Einzige übrig geblieben und versuche, alles so
gut es geht am Laufen zu halten. Mein Chef schickt mir ab und an Aushilfen, aber
das ist einfach nicht das Gleiche und jetzt hab ich eben grad einen Anruf von ihm bekommen, dass heute gar keiner kommt, sie haben ihm alle abgesagt.

Ich bin allein und das in der Hochsaison! Was soll ich denn
jetzt machen? Ich kann einfach nicht mehr!“

Bei diesen Worten brach die Kleine wieder in Tränen aus und
warf sich wie selbstverständlich an Nicks Brust, der sie sanft hielt und ihr Beistand leistete.

Als der Nikolaus sie so in den Armen hielt und ihren
Schmerz spürte, wusste er, was zu tun war. Er musste ihr helfen!

Er war weiß Gott nicht der beste Schankkellner der Welt, doch hatte er den ein oder anderen Trick auf Lager und wo Not am Mann war, da konnte er nicht tatenlos zusehen, es war ja schließlich Weihnachten.

„Steffi jetzt hör mir mal ganz genau zu, wir beide werden
das heute hier rocken und glaub mir, es wird ein ganz besonderer Abend werden,
versprochen!“

Steffi schaute ihn mit großen Augen an „Du würdest mir
wirklich helfen? Und das an Weihnachten?“

Er nickte und sagte „Ich bin Kummer gewöhnt, hab‘ ne ähnliche
Branche wie Du und bin echt belastbar, glaub mir. Was hältst Du davon, wenn ich
die Bar mache und Du den Service?“

Steffi nickte und Nick sah, wie ihr wieder ein erstes Lächeln
übers Gesicht huschte und so machten sich die beiden bereit für die ersten
Gäste, die nicht lange auf sich warten ließen.

Die ersten Bestellungen gingen Nick gut von der Hand, doch
mit der Zeit kam er ganz schön ins Schwitzen. Einschenken, Gläser spülen, Getränke
auffüllen und immer mal wieder nach dem Glühwein sehen, dessen Duft sich schon
im ganzen Stüberl verteilt hatte. Da blieb kaum Zeit zum Durchschnaufen und das ein oder andere Glas musste leider auch dran glauben. 

Nach dem ersten Ansturm sah er sich um und sah, wie
wundervoll und mit wieviel Freude Steffi ihre Gäste bediente und ihnen
buchstäblich jeden Wunsch von den Augen ablas. Ein wahrer Engel war sie, doch
wie lange würde sie das noch aushalten? Irgendwann ist jeder Akku mal leer und
leider brennt eine Kerze, die doppelt so hell strahlt, wie andere, meist nur halb
so lange. Es war für ihn ein wahres Weihnachtswunder, wie all die Menschen in
Gastronomie und Hotellerie ihr eigenes Wohl alltäglich unter das ihrer Gäste
stellten und trotz immer härter werdenden Umständen und dem sich
verschärfenden Fachkräftemangel immer noch die Gäste verzauberten.

Wie lange würde es das noch geben, wenn der letzte Koch und
letzte Kellner endgültig ausgebrannt waren?

Als der Abend so voranschritt, begannen die Gäste langsam zu
singen und die Stimmung war auf dem Höhepunkt angekommen. Die Gäste waren selig
und Steffi in Höchstform.

Nachdem Steffi eine kleine Zigarettenpause gemacht hatte,
war nun Nick dran, sich ein Glaserl Glühwein im Hinterhof zu genehmigen. Eine
kleine Pause geht eben immer.

Als der Nikolaus so im Hinterhof stand und sich seinen
Glühwein schmecken ließ, war er sichtlich zufrieden mit sich. Er hatte Steffi
helfen können, das machte ihn froh.

Wieer da so zufrieden dar stand, mit seiner dampfenden Tasse,
sah er ein Auto auf den Hof fahren, aus dem ein Mann ihm direkt und barsch zurief
„Und was machst Du da? Die Tassen darf man nicht mit nach draußen nehmen.“

Der Nikolaus schaute sich den Mann genauer an und erkannte
in ihm den Seppi, der, mit Verlaub, schon als Kind ein Depp gewesen war und ihm
eigentlich nur Scherereien gemacht hatte. Mehr als einmal war er versucht
gewesen, ihn von den Krampussen mitnehmen zu lassen.

Da sieht man mal wieder, dass manch einer über die Jahre
wirklich nix dazulernt.

„Ich mache Pause und trinke ein Haferl Glühwein“
antwortete der Nikolaus schließlich.

„Du arbeitest ned für mich und wir ham hier Alkoholverbot!“

Der Nikolaus sammelte sich einen Moment, um nicht die Fassung
zu verlieren,
„Oiso Seppi“ begann er langsam und den aufsteigenden Zorn in
Zaum haltend. „Sepp Stadler für sie, damit des klar ist, ich bin der Wirt hier“ fiel ihm sein Gegenüber ins Wort.

„Servus Seppi, is mir wurscht, ich bin der Nikolaus und wir
unterhalten uns jetzt mal über deinen Scheiß hier“ entgegnete er mit einer Stimme, die wie vom Himmel selbst zu kommen schien und keinen Widerspruch zuließ.

Wie erstarrt blickte der Wirt in das ehrfurchtgebietende
Gesicht des heiligen Nikolaus.

Dieser sprach nun mit schwerer, keinen Widerspruch
zulassenden Stimme weiter, während hinter ihm, gerufen durch seinen Zorn, die
Buttenmandl in seinem Rücken auftauchten,
die Winterdämonen im Dienste des Heiligen, die immer bereit waren, das Böse zu
bestrafen, wo sie es auch aufspürten.

„ Ich habe heute der Steffi geholfen, die ich weinend in
deinem Stüberl gefunden habe! Du hast ihr keine Hilfe geschickt und hast sie
allein stehen lassen mit all der Arbeit. Hast du denn gar kein Hirn, Seppi? Wie
soll die dass denn schaffen, so ganz allein und schau an, was Du aus Deinem Betrieb
gemacht hast! Du warst nicht der Grund, dass es über all die Jahre so gut gelaufen ist! Das waren Deine Mitarbeiter, Du Depp und Du hast sie nach und nach gehen lassen, weil Du nicht an die Bedürfnisse Deiner Leute gedacht hast.

Schäm Dich, Seppi“

Die fast nebelhaften Gestalten der Buttenmandl wurden bei
diesen Worten immer wilder und ihre Augen glühten feurig rot, bereit zum
Sprung und ihre Ruten zu schwingen.

„Ich hatte doch keinen“ stammelte Sepp nun betroffen, doch Nikolaus
ließ keinen Widerspruch zu:

„Dann kümmere Dich selbst darum oder hilf mit, Seppi! Ich
hab genug von Deinen Ausreden!“

Bei diesen Worten trat er einen Schritt zurück und ließ die
beiden dämonischen Gestalten ihr Werk verrichten. Wobei zu erwähnen ist, dass seit sehr langer Zeit kein Mensch mehr eine solche Abreibung bekommen hatte, wie Seppi an
diesem Abend von den Buttnmandeln.

Und für alle, die sich nun fragen, ob Gewalt eine Lösung ist
oder nicht, kann ich als Erzähler nur sagen: natürlich nicht, aber manchmal und
wirklich nur manchmal, wie in diesem Fall, hilft sie dem ein oder anderen
Trottel etwas, wieder auf den rechten Weg zu finden.

Nachdem Seppi nun so vor ihm im Schnee lag, hob Nikolaus die
Hand und die beiden Winterdämonen zogen sich in die Schatten zurück, aus denen sie gekommen waren. Nun war es wieder still auf dem Platz, fast wie wenn die
Zeit stehengeblieben wäre.

Seppi sah hoch in die Augen, die ihn nun nochmals von oben
bis unten musterten und hörte die eindringlichen Worte, die der Nikolaus nun sprach.

„Ich werde Dir nun einige Verhaltensweisen vorgeben und Du
wirst Dich daran halten Seppi, sonst werden meine dunklen Gesellen Dich gleich
dahin mitnehmen, wohin Du sowieso irgendwann hin kommst, soweit klar?“

Seppi nickte wild zitternd,

„Gut“ fuhr Nick langsam fort. „Du wirst von nun an für Deine
Mitarbeiter da sein, für ihre Sorgen, ihre Bedürfnisse. Du wirst Dich, so gut Du
kannst, darum kümmern, dass immer genügend Mitarbeiter vorhanden sind und Du
wirst sie gut behandeln. Freie Tage sollten selbstverständlich sein und weil
Weihnachten ist, wirst Du ihnen sicher auch ein Weihnachtsgeld zahlen, oder?“

Seppi nickte nochmals demütig.

„Und wenn Du all das machst und auch selbst versuchst, Dich
ein bisserl weniger, wie ein Volldepp aufzuführen, werde ich Dich vielleicht
nicht von meinen Gehilfen in den Sack stecken lassen.“

Nick half Seppi auf, klopfte ihm den Schnee aus der Kleidung
und schob ihn Richtung Auto.

„Und jetzt gehst Du nach Hause, denn morgen beginnt für Dich
ein neues Leben“.

Wie vom Affen gebissen sprang Seppi sogleich in seinen
Mercedes und verschwand so schnell er konnte im Rückwärtsgang vom Hof.

Nick, der nun wieder die Ruhe selbst war, schaute in seine
leere Glühweintasse und ging wieder zurück an seinen Arbeitsplatz.

Der Abend war noch lang und es wurde jede Menge gelacht und
gesungen, die Gäste waren glückselig und Steffi war einfach wunderbar.

Zu späterer Stunde dannkam Steffi zu
Nick hinter die Bar, drückte ihn fest an sich und flüsterte „Ohne Dich hätte ich
es heute nicht geschafft Nick und ich bin dir sehr dankbar“.

Sie reichte ihm ihr Trinkgeld und sagte „Das ist alles was
ich habe, ich hoffe, das genügt für Deine Hilfe“.

Nick lächelte, „Behalt das Geld, ich hab gerne
geholfen und es war mir eine besondere Freude, mit Dir zu arbeiten“.

So begannen die beiden langsam, das Stüberl aufzuräumen und die Stühle hochzustellen. Dabei bemerkte Nick Steffis besorgten Gesichtsausdruck und
fragte „Was liegt Dir denn auf dem Herzen Steffi?“

Diese sah ihn an und sagte „Du hast mir heute toll geholfen,
aber morgen ist auch wieder ein Tag, ich hoffe nur, dass mir mein Chef morgen
jemanden zum Helfen schickt!“

Nick lächelte sie an
und antwortete „Oh, er schickt Dir morgen jemanden, ich hab ihn draussen kurz
getroffen, aber er musste gleich wieder weg! Es wird sich, glaub ich, einiges tun
bei Euch im Stüberl, glaub mir!“

„Wenn das nur wahr wär“ sagte Steffi voller Hoffnung.

„Da bin ich mir ganz sicher“ Nick zwinkerte ihr zu, drückte
sie nochmal an sich, verabschiedete sich bei ihr und ging hinaus in die
Winternacht.

In den kommenden Jahren danach bis heute kommen die Gäste
von nah und fern, um Steffi und ihr Team im Stüberl zu besuchen und ihre
Gastfreundschaft ist legendär.

Und Gott weiß warum, aber der Seppi ist bis jetzt noch nicht
in der Hölle angekommen.Vielleicht auch darum weil Nick all abendlich an der
Bar sitzt, bei seinem Haferl Gewürzglühwein.

***

Servus Ihr Lieben, 

wie Ihr merkt ist die momentane Situation auch an meiner
Weihnachtsgeschichte nicht spurlos vorbeigegangen, doch habe ich, speziell an
Weihnachten, die Hoffnung, dass der ein oder andere vielleicht doch noch merkt auf
was es in unserer Branche ankommt.

Leider kommt der Nikolaus selten zu den Gastronomen und
Hoteliers, was vielleicht auch besser ist, denn viele Krampusse würden Ermüdungsbrüche
des Arms erleiden, vom dauernden Schwingen der Ruten und das hat kein Krampus
verdient:-), find ich.

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Michis ganz besondere Weihnachtsgeschichte 

      

Nikolaus der heilige Küchenhelfer

Das Team des Schlemmerblogs München rund um Schlemmeronkel
Herbert Hörnlein, Kuchenfee Nicole Savels und mir wünscht Euch ein
wundervolles, gesundes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Gott beschütze Euch,

Mit kulinarischen Grüßen,

Alexander Reiter

www.alexanderreiter.de

www.schlemmerblog-muenchen.de

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